"Nichts dauert bei mir länger, als für menschliche Figuren die passende Kleidung auszuwählen."

Ein Interview mit der Bilderbuch-Illustratorin Barbara Hermanowski (Stadtwald Illustration)

Barbara Hermanowski Portrait

Auf der Suche nach einer Illustratorin für das Bilderbuch Von Krawattenmännchen, Vielfraßen und Faulpelzinnen bin ich sehr schnell bei Barbara Hermanowski, a.k.a. Stadtwald Illustrationen, gelandet. Was mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst war: Sie ist promovierte Biologin, und vielleicht ist das auch einer der Gründe, weshalb es so gut gepasst hat: das Interesse an Flora und Fauna, ja eigentlich an allem, was da in der Natur herumkreucht und fleucht, mit uns komischen und merkwürdigen Menschen mittendrin. Im Folgenden erzählt sie uns ein wenig über ihre Arbeitsweise …

Gibt es bestimmte Zeiten, in denen du zeichnest, ist dein Arbeiten in gewisse Rituale eingebettet?

Bestimmte Zeiten gibt es nicht, zeichnen geht ja immer irgendwie. Aber für bestimmte Zeichenschritte brauche ich bestimmte Orte. Skizzieren, Charaktere entwickeln, Storyboards erarbeiten kann ich z.B. am besten auf einem Sofa, bei gutem Licht und mit einer kuscheligen Decke (ja, auch im Sommer mit Decke!). Reinzeichnen geht dann nur in aufrechter Haltung am Schreibtisch, idealerweise mit einem guten Hörbuch zur Unterhaltung und einem dampfenden Tee neben mir.

Wer hat deinen Stil beeinflusst, gibt es Vorbilder?

Als Quereinsteigerin bin ich erst sehr spät zum Bilderbuch gekommen. Aber die Bilder von Sven Nordquist, Lisbeth Zwerger und Wolf Erlbruch haben mich förmlich in die Bilderbuchwelt hineingezogen.
Heimwerkerinnen

Magst du uns etwas über den Prozess deines Zeichnens erzählen? Arbeitest du analog, digital oder beides zusammen?

Skizzieren und Charaktere entwickeln am besten nur analog mit Kugelschreiber in ein festgebundenes Skizzenbuch, damit ich so wenig wie möglich korrigieren kann. Für meine Reinzeichnungen arbeite ich aber am liebsten digital mit Pinsel und Kreide und fertige für die digitalen Bilder gerne analoge Strukturen an, wie z.B. grobe Druckspuren mit Linolfarbe. Ich mag das Zusammenspiel von digitalem und analogem, weil es noch einmal neue Möglichkeiten des Malens eröffnet, die ich nicht hätte, wenn ich rein analog oder rein digital arbeiten würde. Und wenn ich digital male, will ich nicht, dass es aussieht, als sei das Bild analog entstanden. Ich mag es, wenn man die eingesetzten Werkzeuge erkennt.
Skizzenbuch Hermanowski

Hattest du in deiner Kindheit ein Lieblings-Bilderbuch?

Ein Bilderbuch für Kinder? Eigentlich nicht. Außer einigen Pixiebüchern. Aber Bilder in Büchern haben mich magisch angezogen! Was ich als Kind immer wieder auf den Knien liegen hatte, waren die Bildbände meiner Eltern: Tiere der Tiefsee, Naturwunder der Erde, die Singvögel Mitteleuropas … immer mit Zeichnungen, nicht mit Fotografien. Das waren die liebsten Bilderbücher meiner Kindheit.

Gibt es bestimmte Orte, Dinge oder Themen, die dich wiederkehrend interessieren? Und falls ja: warum?

Am liebsten zeichne ich Tiere. Weil sie so vielfältig in ihrer Erscheinung und ihrem Ausdruck sind. Und weil sie keine Kleidung brauchen. Nichts dauert bei mir länger, als für menschliche Figuren die passende Kleidung auszuwählen.

Gibt es etwas, dass du über dich durch das Zeichnen erfahren hast?

Das Zeichnen von Bilderbüchern als Beruf kann vor allem während der Reinzeichnung ein echter Knochenjob sein. Dieses stundenlange Sitzen kriegt auch der Körper zu spüren. Allein im Homeoffice ist es daher besonders wichtig, ganz genau auf ihn zu hören und Pausen streng einzuplanen. Das musste ich erst lernen.

Wenn du deine Illustrationen hören könntest – wie würden sie klingen?

Wieso könnte? Spätestens während der Reinzeichnung befinde ich mich mitten in der Szene des Bildes. Wie eine unsichtbare Beobachterin. Ich höre, was meine Figuren sagen, alles ist sehr lebendig und für kurze Zeit bin ich Teil dieser Welt.

Gibt es Emotionen, die eher schwierig zu zeichnen sind? Und wenn ja: wie gehst du sie an?

Stille Trauer ist z.B etwas, das ich mir gerade nur schwer vorstellen kann zu zeichnen. Wohl auch, weil es nicht unbedingt zu meinem Zeichenstil passt. Der ist ja eher für ausdrucksstarke, nach außen gekehrte Emotionen gemacht. Aber als allererstes würde ich wohl in mich hineinhören und auf meine Lebenserfahrung zurückgreifen. Dann würde ich nach Fotografien zu diesen Emotionen suchen. Dann gäbe es unzählige grottige Skizzen, die mich in den Wahnsinn treiben. Ganz sicher. Und irgendwann würde ich dann (hoffentlich) merken, dass sich mein Strich festigt und meine Hände wissen, was sie tun.

Hast du eine Vorstellung davon, wie sich die Welt der Bilderbücher in den nächsten Jahren entwickeln wird? Siehst du Tendenzen?

Eine Vorstellung weniger, mehr eine Hoffnung. Es gibt ja Bilderbücher, die sich nicht in eine Schublade quetschen lassen und Verlage (meist die kleinen, mutigen), die sich trauen, auch absurden oder sperrigen Geschichten den Raum und die Form zu geben, die am besten zu ihnen passen. Ich hoffe, dass es mehr von ihnen geben wird. Von den Büchern. Und von den Verlagen. Allerdings beobachte ich auch mit einem gewissen Grusel die Tendenz der Buchwelt, sich wie ein aus dem Ruder geratenes Karussell immer schneller und schneller zu drehen. Wer den zunehmenden Fliehkräften nicht standhält, wird erbarmungslos hinausgeschleudert. Höchste Eisenbahn für eine Slow Book Bewegung.

Dein Lieblings-Bilderbuch von einer anderen Illustratorin / einem anderen Illustrator?

Ein beeindruckendes Buch ganz ohne Worte, dafür mit umso mehr Bildern ist „The Arrival“ von Shaun Tan und das dazugehörige Making-of „Sketches from a nameless land“. Aber seine anderen Bücher sind auch alle großartig. Und dann sind da noch die Bücher von Marc Boutavant, Olivier Tallec, Leo Timmers, Nele Brönner und so vieler anderer!

Vielen Dank für das Gespräch, Barbara!

PS: im Kraus Verlag erschien das von Juri Johansson geschriebene und von Barbrara Hermanowski illustrierte BilderbuchVon Krawattenmännchen, Vielfraßen und Faulpelzinnen“ im Kraus Verlag. Wenn Sie möchten, können Sie das Buch auf dieser Seite bestellen, die Lieferung ist versandkostenfrei.

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